Deutsch
English

Institut für Klinische Transfusionsmedizin und Hämotherapie
Oberdürrbacher Str. 6
97080 Würzburg

Direktor
Prof. Dr. med. Markus Böck
Universitätsklinikum Würzburg
Oberdürrbacher Straße 6
97080 Würzburg
Tel.: 09 31-201 313 00
Fax: 09 31-201 313 76
e-mail: Markus.Boeck@mail.uni-wuerzburg.de

 

Vorlesung Transfusionsmedizin


Die nicht-hämolytisch febrile Transfusionsreaktion (NHFTR)

Nebenwirkungen I



NHFTR gilt als Abkürzung für die sog. “nicht-hämolytisch febrile Transfusionsreaktion“. Während diese früher eine der häufigsten Nebenwirkungen von Bluttransfusionen insbesondere bei polytransfundierten Patienten aus dem hämato-onkologischen Bereich war (in den 80iger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde die Häufigkeit dieser Nebenwirkung mit ca. 0,5 – 1% aller Transfusionen angegeben), ist sie heute eher selten geworden. Dies liegt vermutlich (zumindest in Deutschland) an der generellen Einführung der Leukozytendepletion von Erythrozytenkonzentraten und Thrombozytenkonzentraten zum 1.Oktober 2001.


Ursachen

Grundsätzlich kommen zwei verschiedene Ursachen für die Auslösung einer NHFTR in Frage:

a) HLA-Antikörper im Blut des Patienten
b) Zytokine in den Blutkomponenten


ad a) HLA-Antikörper im Blut des Patienten

Die NHFTR kann durch eine Antigen-Antikörper-Reaktion von präformierten leukozytären (HLA-)Antikörpern im Blut des Patienten gegen (HLA-)Antigene auf der Oberfläche der mit einer Blutkomponente übertragenen Leukozyten ausgelöst werden. So wurde bereits in den 50iger Jahren des letzten Jahrhunderts nachgewiesen, dass es durch die Transfusion buffy coat-haltiger Blutkonserven sehr viel häufiger zu einer NHFTR kommt als durch die Transfusion von Blutkonserven, aus denen der buffy coat entfernt worden war.

Zur Bildung solcher HLA-Antikörper kommt es i.d.R. durch

  1. fetomaternale leukozytäre Übertragung während einer Schwangerschaft bzw. Geburt (vergleichbar der Bildung erythrozytärer Antikörper bei Morbus hämolyticus neonatorum) oder

  2. durch vorangegangene Transfusionen mit leukozytenhaltigen Blutkomponenten (man geht davon aus, dass die Sensibilisierungsgrenze bei etwa 5 x 106 Leukozyten pro Blutkonserve liegt; d.h. die Wahrscheinlichkeit, solche Antikörper zu bilden ist immer dann relativ hoch, wenn wiederholt Blutkomponenten mit mehr als 5 x 106 Leukozyten transfundiert werden).

Werden leukozytenhaltige Blutkomponenten an HLA-sensibilisierte Patienten transfundiert, so kann es zu einer Antigen-Antikörper-Reaktion der präformierten HLA-Antikörper im Serum der Patienten mit den ggf. vorhandenen korrespondierenden HLA-Antigenen auf der Oberfläche der übertragenen Leukozyten kommen. Damit dies allerdings zu den klinischen Symptomen einer NHFTR führt, müssen in der transfundierten Blutkomponente mehr als ca. 2,5 x 108 Leukozyten vorhanden sein.

Aufgrund der genannten Zahlenwerte ist es leicht verständlich, warum die NHFTR heute sehr viel seltener vorkommt als noch vor 10 Jahren. Seit der generellen Einführung der Leukozytendepletion von Erythrozytenkonzentraten und Thrombozytenkonzentraten in Deutschland liegt die „leukozytäre Kontamination“ dieser Blutkomponenten unter 106 Leukozyten/Blutkonserve. Diese Kontaminationsrate ist sowohl geringer als die o.g. Sensibilisierungsgrenze als auch geringer als die für die Auslösung von Symptomen erforderliche kritische Kontaminationsrate.

Allerdings sollte beachtet werden, dass nicht nur HLA-Antikörper, sondern – wenn auch seltenerer - präformierte thrombozytäre oder granulozytäre Antikörper ebenfalls in der Lage sind, eine NHFTR auszulösen, wenn sich die korrespondierenden Antigene auf der Zelloberfläche der transfundierten Blutkomponenten befinden.


ad b) Zytokine in den Blutkomponenten

Bereits im Jahre 1994 konnte gezeigt werden, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Auslösen einer NHFTR und dem Alter der jeweiligen Blutkomponente gibt. Je älter die Erythrozyten- bzw. Thrombozytenkonzentrate waren, umso häufiger wurde eine NHFTR beobachtet. Man vermutet, dass dies durch die mit dem Alter der Blutkonserve ansteigenden Konzentrationen der Zytokine IL-1, TNF-alpha, IL-6 und IL-8 zusammenhängen könnte.


Klinik

Die NHFTR ist durch einen Temperaturanstieg um mindestens 1 °C innerhalb von 4 Stunden nach Beginn einer Transfusion von Erythrozyten- oder Thrombozytenkonzentraten gekennzeichnet. Meist ist dieser Temperaturanstieg mit heftigem Schüttelfrost, einem Anstieg des Blutdrucks und Angstgefühlen des Patienten verbunden. Hämolysezeichen lassen sich nicht nachweisen.

Wichtig ist zu wissen, dass der klassische Schüttelfrost bei Kleinkindern und Säuglingen meist nicht beobachtet wird, sondern dass hier der Temperaturanstieg häufig durch Ruhelosigkeit, Nahrungsverweigerung und gelegentlich sogar einer Diarrhoe begleitet ist.

Auch im Rahmen einer Narkose tritt meist kein Schüttelfrost auf (so daß die NHFTR hier häufig nicht bemerkt wird)


Therapie/Prophylaxe

Grundsätzlich gilt als erste Therapiemaßnahme – wie bei allen Nebenwirkungen der Bluttransfusion – der sofortige Abbruch der Transfusion. Obwohl antipyretische Substanzen durchaus sinnvoll sein können, empfiehlt sich in der akuten Situation die Gabe eines Narkoanalgeticums (z. B. Pethidin i.v.). Dies unterbindet den unagenehmen Schüttelfrost meist sehr rasch, nimmt dem Patienten dadurch die Angst und führt über diesen Umweg zu einer Reduktion des meist deutlich erhöhten Blutdrucks.

Als Prophylaxe der NHFTR empfiehlt sich bei vorsensibilisierten Patienten die Gabe leukozytendepletierter Erythrozyten- und Thrombozytenkonzentrate, was in Deutschland jedoch ohnehin seit dem 1.10.2001 für alle Patienten gesetzliche Vorschrift ist.